Stille Wasser sind tief, so sagt man. Ich überblickte den See und sah dabei, wie ein Kranich davon flog. Es gab viele Kraniche an diesem Ort, der mir aus der Kindheit vertraut war und an den ich immer wieder zurückkehrte. Sie brüteten hier. Ich pflegte zu beobachten wie sie ihre Jungen fütterten und wie diese sich in ihren ersten Flügelschlägen erprobten.

Seither hat es viele Veränderungen gegeben. Eine neue Siedlung wurde errichtet, nicht einmal 3 Kilometer südlich von hier. Der sumpfige Boden eignet sich zwar nicht gerade für ambitionierte Bauprojekte, aber eine Flüchtlingssiedlung, so dachte man sich, könne man trotzdem in dem ewig feuchten Gebiet unterbringen. Die Wandervögel würden den Weg jedes Jahr machen. Die Flüchtlinge, sie waren nun angekommen. Doch angekommen wo? Die Verpflegung wurde von einer örtlichen karitativen Einrichtung übernommen, der medizinischen Versorgung hatte sich ein ortsansässiger Arzt angenommen. Sie waren in ihrem Unterfangen alleine. Im Sommer machten die Mücken den Leuten zu schaffen. Im Winter froren sie, die Risse in den Wänden ablenkend von der Schieflage des einsackenden Fundaments der vom Staat halbherzig gebauten Unterkünfte.

Niemand sprach ein Wort Deutsch. Niemand versuchte mit den Menschen zu kommunizieren. Man fand Gefallen daran, sie in diesem Sumpfgebiet, mehr oder minder auf sich selbst gestellt, vor sich hin vegetieren zu lassen. Mag man auch nicht aktiv Gefallen daran gefunden haben, man dachte nicht weiter darüber nach. Man las in der Frankfurter Allgemeine über die Flüchtlingssituation, das Wort “schrecklich” auf den Lippen, gefolgt vom Schaum des morgendlichen Cappucino. Man ließ sich den Brotkorb mit den Croissants reichen, man schmierte reichlich, ja objektiv zu viel, Marmelade drauf und schmatze während die Krümmel auf die Zeitung fielen.

Es war kalt. Kälter als die Menschen es je am eigenen Leibe erfahren hatten. Man besaß nicht die nötige Kleidung um der Witterung standzuhalten. Eine Mutter von zwei Zwillingen, wohlhabend und klug, spendete die Kleider ihrer Jungen erst, wenn sie von Löchern zerfressen waren. Man bedankte sich bei der Diakonie. Was hätte man auch sonst machen sollen? Den Leuten sagen, dass es an ordentlicher Kleidung mangelt? Dass die Flüchtlingshilfe keine Müllhalde ist? Den Supermarkt fragte man nach gerade abgelaufenen Produkten. Geht nicht. Gesundheitliche Vorschriften. Muss in den Müll.

Es ist nur ein See. Auf dem Land. In Brandenburg. Es ist nur der Traum. Er zerbricht. Klirrend. Klar. Deutschland. Ein Märchen das war.

 

 

 

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