Der Sommer ging in jenem Jahr nahtlos in den Herbst über. Wilhelm H., wie er von seinen Kollegen angesprochen wurde, zog sich seinen im Vorjahr gekauften und doch schon vom letzten Winter etwas in Mitleidenschaft gezogenen Mantel über und machte sich auf den Weg über die Oberbaumbrücke, sich – wie jeden Tag – an den roten Ziegeln erfreuend. Hier – so wusste er sicher – war er zuhaus. Er führte seinen Weg zu Fuß fort und gelangte nach einer Weile in den Volkspark Friedrichshain.

Er betrachtete die Kinder, wie sie durch das soeben gefallene Laub rannten, während ihre Eltern sich mit, für diese Saison typisch, übergroßen Sonnenbrillen, in der Sonne aalten. Sodann fiel sein Blick auf die Märchenskulpturen und er fühlte sich an seine Kindheit erinnert. Wie er unter dem großen Walnussbaum vor seiner Haustür im Schatten saß, die gleißende Hitze durch den Genuss frisch gemachter Limonade bekämpfend und wie seine Schwester Frida ihm von dem Wolf und den sieben Geißlein erzählte. Er pflegte sich jedes mal so in die Protagonisten der Märchen hineinzuversetzen, dass man ihn danach mindestens eine Stunde lang trösten musste. Und immer wieder dieser Satz: “Es ist doch alles nur eine Geschichte”.

Wie sehr hatte er diesen Satz gehasst. Er hatte ihn nie verstanden, war er doch so sehr in die Geschichten involviert, dass sie ihm real erschienen. Ja, er fühlte den Schmerz, den die Protagonisten spürten, an seinem eigenen Körper. Wie sehr hätte er sich trotzdem gewünscht, es hätte sich jemand zu ihm gesetzt und ihm gesagt, es sei alles nur eine Geschichte gewesen, als seine Frau im See ertrank. Er hatte ihre Hilferufe nicht gehört. uch er hatte sich in der Herbstsonne geräkelt, das Radio auf der Picknickdecke experimentellen Jazz spielend, in seinen Händen eine Kastanie haltend, immer wieder ihre Konturen nachfühlend. Seine Frau mochte das Schwimmen. Auf dem See waren einige Ruderer unterwegs, einige wenige Segelschiffe. Doch seine Frau war routinierte Schwimmerin. Es würde ihr schon nichts passieren.

Langsam klärte sich sein Blick wieder und er atmete die frische Herbstluft ein. Unbewusst hatte er mit seinen Fingernägeln den Namen seiner Frau in die Kastanie, die er seit jemen Tag in seiner Manteltasche bei sich trug, geritzt. Über dem See war nur blauber Himmel zu sehen. Er sah sich um, zog seinen Mantel zu recht und schritt langsamen Schrittes voran, dem See entgegen. Ein Eichhörnchen huschte an ihm vorbei. Er beachtete es kaum. Schon bald waren seine Füße nass, doch er schritt fort. Als er bis zur Hüfte im Wasser stand, riefen die ersten besorgten Mitbürger ihm zu ob alles in Ordnung sei. Er antwortete nicht, sondern tauchte ins Wasser ein. Die Seeoberfläche sprudelte einige wenige Sekunden auf, dann glättete sie sich wieder und in ihr spiegelte sich der azurblaue Himmel wider.

Wilhelm H. suchte den Tod, doch er fand ihn nicht. Als er wieder aufwachte, war ein fremder Mann in seinem Krankenhauszimmer. Er hatte ihn gerettet. “Warum?”, fragte Wilhelm H. leise. “Der Tag war zu schön”, antwortete der Fremde. Dann übergab er Wilhelm H. die Kastanie. “Ich verstehe ihr Leid”, sprach er sanft, dann verließ er still das Zimmer. Wilhelm H. erkundigte sich nach seinem Zustand, wurde entlassen und fuhr zum Schneider. Er musste den alten Mantel ablegen, zuviel hing an ihm dran.

Notiz des Autors: Diese Kurzgeschichte wurde ursprünglich für die Rubrik “Pictures + Poetry” des Reiseblogs meines Vaters geschrieben. Mehr Geschichten und Gedichte, überwiegend auf deutscher Sprache, gibt es dort zu finden. http://berlinpoland17.wordpress.com

 

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