Macht und Unterwerfung, Rechts und Links, Schwarz und Weiß, Oben und Unten. Ich: irgendwo dazwischen. Die Blätter der Birke vor meinem Balkon rascheln im Winde, sie lassen sich einfach tragen. Die Äste halten den Wind aus, weil sie sich verbiegen können, nicht rigide versuchen um jeden Preis am gleichen Platz zu bleiben. So baut man ja auch Gebäude in Erdbebenregionen. Erhalt durch Anpassung. Tradition durch Fortschritt. Und schon klingt man wie eine Autowerbung.

Der Himmel ist heute unerträglich weiß. Es sind zwar keine Konturen irgendwelcher Wolken zu erkennen, aber ein wie auch immer geartetes Blau lässt sich auch mit viel Fantasie nicht sehen. Als ob dem Himmel die Kraft fehlte, selbst die traurigste und einsamste aller Farben noch zusammenzukriegen.

Da fragt man sich: was ist eigentlich die Absenz von Farbe? Weiß oder Schwarz? Ohne Licht erhält man Schwarz, doch die Beleuchtung einer Situation kann einen in ein viel tieferes Loch stürzen, als wenn sie im Verborgenen, im Dunklen bliebe. Ich habe nie verstanden, warum man – zumindest im Westen – Trauer, Wut und Depression mit Schwarz in Verbindung bringt. Wenn ich ein Blatt Papier vor mir habe und sich noch kein Tropfen Tinte darauf verirrt hat, dann ist das Nichts in das ich starre erst einmal weiß. Schwarz nimmt Raum ein. Weiß schafft ihn.

Es ist einfacher sich auf eine weiße Leinwand zu projizieren als auf eine schwarze. Weiß ist wie destilliertes Wasser. Ein unnatürlicher Zustand, der sich selbst nicht erträgt und Verunreinigungen nahezu anzieht. Weiße Schuhe bleiben dies nie lange und sie können es vermutlich auch nicht bleiben. Weiß ist nicht von Dauer, Weiß ist reine Fantasie: ein Anfang an den man immer wieder zurückkehren will. Jemand hat eine weiße Weste, man versucht sich vor Gericht weißzuwaschen und doch sehnt sich die ganze Welt danach, dass es eben nicht so ist.

Wenn früher nach der Hochzeitsnacht das Leintuch im Garten hing, dann hatte es gefälligst einen roten Fleck zu haben. Dann war das Weiß auf einmal nicht mehr Zeichen der Reinheit, sondern der Verdorbenheit, der Verbrauchtheit und ein Grund, sich zu schämen. Und wenn ich nun auf mein weißes Blatt starre, der Künstler die seit Monaten weiß gebliebene Leinwand auf der Staffelei in der Mitte seines Ateliers anstarrt, dann ist das Gefühl: Versagen, Leere, Unvermögen. Und so lerne ich die Verunreinigungen zu schätzen. Denn alles ist besser als nichts. Schmerz ist besser als die Abwesenheit jeglicher Gefühle, Erniedrigung ist besser als überhaupt nicht wahrgenommen zu werden.

Also lasse ich mich heute treiben, wie die Blätter vom Winde, durch die Straßen, Wiesen, Felder zu einem Ort, den ich noch nicht kenne. Erst wenn alle Farben sich auf mir vermischt haben, dann wird es immer dunkler, bis das Schwarze mich einholt.
Der Anfang ist weiß, die Mitte ist bunt, das Ende ist schwarz. Und trotz aller Vorwürfe, die ich mir mache: meine Haut gleicht noch immer eher dem Porzellan in der Vitrine, als der Kohle auf dem Grill.

Daher schreie ich heute das Leben an, nein ich schreie ihm zu: Ja, ich will!

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