Sie schrie ihm noch zu, dass er sich beeilen möge. Dann schloss die Tür hinter ihr und die Tram fuhr davon. Ohne ihn.

Sie klopfte verzweifelt an die Tür, schrie den Fahrer noch an. Doch niemand schenkte ihr Aufmerksamkeit. Wie die Welt an den Fenstern, schien alles an den anderen Fahrgästen vorbeizulaufen. Sie sackte auf einem freien Sitz in sich zusammen, den Kopf ließ sie hängen. Seit 10 Jahren nun waren sie zusammen. Sie hatten den gleichen Freundeskreis, arbeiteten im gleichen Gebäude, verbrachten die Urlaube zusammen. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, wann sie das letzte mal mehr als ein paar Stunden ohne ihn verbracht hatte.

Die Tram hielt wieder an. Die Tür ging auf. Der kalte Oktoberwind wehte hinein. Den Blick noch immer nach unten gerichtet, zog sie ihren Mantel zurecht um nicht zu frösteln. Sie bemerkte den älteren Mann der vor ihr Stand erst als die Tram wieder anfuhr, er das Gleichgewicht verlor und nach vorne auf sie fiel. Sie war sich nun bewusst, dass sie ihm schon vorher ihren Platz hätte anbieten sollen. Ihre Wangen eröteten und sie wich von ihrem Platz.

Gänzlich von ihr unbemerkt, blickte sie nun wieder nach vorn. Aus dem Fenster hinaus. Dort war draußen. Hier war drinnen. Sie würde ihren Sitz nie wieder frei geben. Für einen älteren Herren: meinetwegen. Aber nicht für ihn. Nicht nach heute. Nicht hier.

Sie malte sich aus, wie sie ihr Leben verändern würde. Ein neuer Job müsste her. Eine neue Stadt, ein neues Land. Vielleicht könnte sie es ja auch mal mit einer anderen Frau versuchen. Vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall würde sie nichts ausschließen. Sie würde eine Putzkraft engagieren, sich nur noch um das Wesentliche kümmern. Sie würde eine neue Sprache lernen, vielleicht auch zwei. Sie würde sich ehrenamtlich engagieren und in den späten Abendstunden schreiben: an was, war ihr noch nicht klar. Doch sie wusste, es wird etwas Großes.

Die Tram war schon länger leer als der Fahrer ihr zuschrie: “Fahren Sie noch bis zum Betriebshof mit oder steigen sie lieber aus? Hier ist Endhaltestelle. Hauptbahnhof.”

Sie zögerte eine Sekunde lange, dann nickte sie dem Fahrer zu und verließ schnellen Schrittes und erhobenen Hauptes die Tram. Sie stürmte die Stufen des Hauptbahnhofs empor, hin zum Ticketschalter und kaufte sich das nächste Ticket nach Bern. Das war der nächste ICE. Den würde sie nehmen. Dort würde sie neu anfangen.

Sie kaufte sich noch kurz einen Tee, dann schnellte sie zum Gleis. Der Zug war noch nicht da. Gut. Sie würde Zeit haben, ihren Tee auszutrinken, bevor das große Abenteuer beginnen würde. Sie schlürfte genüßlich und blickte die Schienen entlang, in der Hoffnung den so schicksalsträchtigen Zug so früh wie möglich zu erblicken.

Der ICE fuhr ein. Die Türen öffneten sich. Scharen von Menschen verließen die Wagons. Eine ebenso große Menschenmenge drängte wieder hinein. Die Türen schlossen sich. Der Zug fuhr davon. Sie schaute ihm hinterher. Dort war drinnen. Hier war draußen.

Der nächste Zug fuhr ein. Wieder verließ sie die Courage. Ihr Tee wurde kalt und sie fror. Doch sie blieb einfach stehen. Die Sonne sank allmählich und ihr wurde plötzlich klar, dass sie sich erklären müsste, wenn sie den Schlüssel in der Haustür umdrehte. Dass ihr vorgeworfen werden würde, sie sei unverantwortlich und habe ihre Gefühle nicht im Griff. Sie fasste sich an ihre Oberschenkel. Sie spürte noch die blauen Flecken von letztem Freitag, als sie vergessen hatte Bier mit nach Hause zu bringen. Sie bohrte ihren Finger tief ins Fleisch, damit der Schmerz sich ausbreiten würde, das Gefühl alle anderen ausblenden würde. Doch das geschah nicht.

Sie senkte ihren Kopf wieder, schmiss den Tee in den Müll. Dann das Ticket nach Bern. Das neue Leben war fern.

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